Jep.
Vorab: ich finde es immer etwas befremdlich und es macht mich misstrauisch, wenn eine Person eine wirtschaftliche Abhängigkeit hat oder hatte und dieses nicht zumindest auf der eigenen Internetseite nennt. Frau Krone-Schmalz wurde schon vor einiger Zeit der Vorwurf gemacht, durch ihre Arbeit bei einer Gazprom-Tochter nicht ganz frei in ihren Argumenten zu sein. Ich denke nicht, das man automatisch "blind" ist, wenn für eine "Putin-Firma" gearbeitet hat; man sollte es allerdings sagen. Das Verschweigen und auf den Vorwurf nicht eingehen bzw. drumherum reden, weckt einfach Zweifel an der Integrität der Person.
Der Vortrag ist hervorragend aufgebaut und mir zu manipulativ. Am Anfang wird das komplette Unverständnis für diesen Krieg mehrfach betont und deutlich von ihr gesagt, dass sie sich in ihrer Einschätzung komplett geirrt habe. Der Aufmarsch der 120.000 Soldaten um die Ukraine und in Belarus wäre nur ein letzter Hilfeschrei Putins gewesen, da er ja seit Jahrzehnten Stück für Stück in seinen Sicherheitsinteressen beschnitten worden wäre. Sie wäre niemals davon ausgegangen, das Putin seine Soldaten wirklich über die Grenze schicken würde.
Mag sein, aber diesem "Hilfeschrei" ging die Besetzung der Krim voraus. Daher war der 24.02.2022 wohl kaum eine Überraschung. Davon kann einfach keine Rede sein. Für mich auch eine etwas merkwürdige Art nach Hilfe zu rufen.
Welche Sicherheitsinteressen Russlands sind berührt? Es gibt keine Rede, keine Schrift und keine ernst gemeinte Aussage von irgend einem Staat, Russland zu zerstören. Allerdings gibt es diverse Staaten, die durch Russland ab 1921 bzw. nach 1945 besetzt, unterdrückt und einverleibt wurden. Und heute wird das wieder als Ziel benannt. Mag sein, dass eine sich auflösende Weltmacht sich gefühlt bedroht sieht - gefühlte Wirklichkeit sind zwar in Mode, aber keine Legitimation für irgend etwas. Russland anzugreifen ist Selbstmord. Das ist so eindeutig, da ist jede Diskussion drüber kompletter Blödsinn. Das gilt für China und die USA ebenfalls. Also was für ein Sicherheitsgefühl wurde tangiert?
Ich sehe ein Sicherheitsinteresse vorrangig bei den Ländern, die eine Unterdrückung hinter sich haben und weniger bei dem Unterdrücker, der in einer Krise fällt, weil er nicht mehr so viele zum Unterdrücken hat. Das was Russland hat, ist die Wut über die verlorenen Möglichkeiten andere Länder zu unterdrücken und auszunutzen
Frau Krone-Schmalz teilt den Grund für einen Krieg in zwei Richtungen ein: den Machtversessenen, ideologisch getriebenen, den an der Erweiterung seines Reiches denkenden, wie Hitler. Und denjenigen, der getrieben, gedemütigt und nach Sicherheit rufenden. Der nicht anders kann. Putin gehört für sie ohne Diskussion zu den nach Sicherheit rufenden Lämmern. Keine Reflektion zu 100 Jahre Unterdrückung von diversen Ländern, keine Frage zu den Reden und Texten eines Putins zur kulturellen Überlegenheit, zu dem Bestrebungen wieder eine militärische Weltmacht zu sein und seinem bestreben, ein Reich von vor 1989 wieder auferstehen zu lassen.
Weiter geht es mit einer Aufzählung, dass Russland komplett eingekreist sei: Ostsee können sie im Kriegsfall nicht raus, oben warten die Norweger (die jetzt, obwohl 1956 gesagt hatten, doch 356 fest stationierte US-Soldaten im Land haben), unten die Türkei und Georgien und auf der anderen Seite Südkorea und Japan. Klingt erschreckend, ist aber kompletter Blödsinn. Es gibt keinen Block der Feinde Russlands, die in einer konzertierten Aktion Russland in die Knie zwingen wollen. Als ob Moldau nur drauf wartet, das Japan Russland überfallen würde um dann mit Island nach Moskau zu marschieren.
Weiter führt sie aus, dass die Ukraine erst seit 1992 eine Nation sei und ja aus diversen kulturellen und sprachlichen Kulturen bestehen würde - Frau Krone-Schmalz, echt jetzt? Nach diese Logik (der unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Gruppen) dürfte es - mein Anarchisten-Herz schreit Hurra - so ziemlich überhaupt keinen Staat geben. Wir haben die Bayern, Sorben, Dänen und Ostfriesen, die Belgier haben Deutsche an der Backe, Polen ist 1945 komplett mal nach Westen gezogen worden, in Russland gibt es diverse Sprachen und Kulturen, China hängt die Tibeter und die Uiguren und hunderte anderes Gesellschaftsgruppen, die Spanier teilen sich die Basken und Katalanen mit Frankreich, die wiederum haben das Elsass am Hals - Island ist glaube ich rein und sauber... Und 1992 ist auch knapp daneben, vor allem, da sie selbst vorher von 1921/22 erzählt. Hetmanat und Klein-Russland zeigen recht gut die Vorläufer der heutigen Ukraine auf - wer den Bezug nicht akzeptiert (kann ich nachvollziehen), der sollte aber die Geschichte des Deutschland zeitlich auch nicht so wirklich weit weg sehen.
Ein weitere Punkt fiel mir auf: Georgien. Sie verbringt einige Zeit bei Georgien und dem Krieg 2008. Kernaussage von ihr ist, dass der Krieg 2008 von Georgien angefangen wurde. Was sie nicht sagt ist, dass der direkte Konflikt zwar von Georgien ausgelöst wurde, aber es dazu eine Entwicklung gibt. Und diese ähnelt in Teilen der der Annexion der Gebiete in der Ukraine. Ob Georgien sich "korrekt" verhalten hat und ob Staaten überhaupt toll sind - egal, wir haben per UNO-Charta eine von allen Staaten zugestimmte Übereinkunft und die spricht ausdrücklich von der Integrität der Staaten und gibt keinem Staat das Recht einzufallen. Es gibt einige Punkte, die Frau Krone-Schmalz wissen muss aber nicht sagt Georgien ist eines der Länder, die von der UDSSR einverleibt wurde und sich 1990 für unabhängig erklärte. Russland akzeptierte auch dieses nicht und unterhöhlte die Souveränität z.B. in der Vergabe von russischen Pässen. Georgien hat im übrigen keine 40.000 Soldaten, Russland 1.000.000 Soldaten - da liegt es nahe, dass sich Georgien nicht halten konnte und Russland angreifen musste.... Fakt ist, Russland sah und sieht Georgien als Teil ihres Einflussbereiches und nach guter alter Sitte ist es scheiß egal, ob diese Einflussgebiete es wollen oder nicht. Daher haben sie ab 1992 alles getan um Georgien zu destabilisieren und einen Krieg in das Land zu tragen. Davon erzählt sie allerdings nichts. und das ist einfach nur unsauber.
Genug. Was ich mit viel zu vielen Worten aufzeigen möchte ist, das kluge Worte nicht immer auch kluge Gedanken transportieren müssen, das schlüssig klingenden Argumente nicht immer richtig sind und Polemik und Propaganda nicht immer dumpf um die Ecke kommen. Ich weiß nicht, was Frau Krone-Schmalz will, was sie denkt und was sie leitet. Mag sein, dass sie die Hoffnung auf eine friedliche Welt, die sich in den 1990 Jahren zeigte, einfach nicht wegwischen kann und Putin daher immer noch - mehr in Hoffnung als im Wissen - etwas Gutes unterstellt. Mag sein, dass sie sich hat kaufen lassen, vielleicht (bestimmt) hat sie auch in einigen Dingen Recht. Aber dieser Vortrag hat zu viele Dinge bewusst nichts gesagt und diverse Grundannahmen einfach festgelegt. Einiges ist falsch und sie müsste es besser wissen. Zum Nachdenken klasse, aber in der Aussage falsch und fatal.
Richtig und wichtig finde ich die Argumentation von ihr ziemlich am Anfang; man muss Versuchen aus der Konfrontation in eine Situation der vertrauensbildenden Maßnahmen zu kommen. Und das kann immer leichter der Stärkere, als der Schwächere. Die Frage ist, wer hier die Chance hat, den ersten Schritt zu gehen und ob das Russland von Putin überhaupt diesen Weg gehen möchte. Ähnlich wie hier im Kleinen: das Beharren auf sich immer weiter verschärfenden Positionen verhindert jede Möglichkeit einer Diskussion und somit einer Lösung.