Hat mir grad meine Frau geschickt.
Lang aber Interessant :
Der Philosoph und Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz lehrte bis 2018 als Professor für Medienwissenschaft an der TU Berlin. Der Text ist ein Auszug aus seinem neuen Buch „Der alte weiße Mann. Sündenbock der Nation“, das am 17. Februar erscheint (LangenMüller, 256 Seiten, 24 Euro).
Die Versklavung der eigenen Meinung
Alle reden von Individualität, Diversität und Selbstverwirklichung – und doch ticken unsere Massenmedien erstaunlich konform. Sie informieren uns heute vor allem darüber, dass die meisten der gleichen Meinung sind. Warum Gleichgesinntheit der größte Feind der Aufklärung ist.
Dass die Menschen sich ihres eigenen Verstandes ohne Anleitung anderer bedienen würden, wenn man sie erst einmal von den Dogmen der Religion und den Vorurteilen der Tradition befreit hat, war der Trugschluss der Aufklärung. Gerade der moderne Konformismus des Denkens ist eine Konsequenz der Entmythologisierung, der Entzauberung der Welt – also eine Nebenwirkung der Aufklärung. Wir sagen, was man sagt, weil wir uns nicht mehr vom Gesetz, der Sitte und der Tradition getragen fühlen.
Diese modernitätsspezifische Anomie führt also geradewegs zum Konformismus: Die Emanzipation der Vernunft hat uns der öffentlichen Meinung versklavt. Und es ist vor allem die Emanzipation der Vernunft von der Tradition, die ein Orientierungsvakuum geschaffen hat, das die Gewalt der öffentlichen Meinung unwiderstehlich macht. Alle reden von Individualität, Diversität und Selbstverwirklichung – und alle denken dasselbe. So entsteht der Konformismus des Andersseins. Sie alle sind Schauspieler des Nonkonformismus auf der Bühne des Konformismus.
Modern entsteht Konformismus durch Informationskaskaden, also durch soziale Mimesis. Wenn man nicht weiß, was man tun soll, ist es durchaus lebensklug, sich an dem zu orientieren, was die anderen tun. Die Menschen verlassen sich dann nicht auf ihre privaten Meinungen und Informationen, sondern schließen sich anderen an. Das geschieht umso schneller, je enger die Gruppenbindungen sind. Diese Informationskaskaden nehmen leicht die Gestalt von sozialen Kaskaden an – wenn etwa Menschen Angst vor XY bekommen, weil andere Menschen Angst vor XY zeigen.
Ein Anthropologe würde wohl sagen: Der Mensch ist ein Mitläufer. Politisch betrachtet wäre das Eingeständnis fällig, dass auch die moderne Demokratie den Konformismus begünstigt. Und technisch gesehen ist er ein Effekt der Massenmedien. Je besser nämlich die Massenmedien die öffentliche Meinung organisieren, desto wahrscheinlicher wird es, dass sich die meisten Menschen in ihrem Urteil über die Meinung der meisten Menschen irren.
Dieser Irrtum potenziert sich dann in der öffentlichen Meinung über die öffentliche Meinung. Wenn sich aber die Mehrheit über die Mehrheit täuscht, muss dem eine Angstdynamik zugrunde liegen, die so alt ist wie die Demokratie: die Angst, von der Mehrheit geächtet zu werden. Die Menschen fürchten nicht mehr, das Unwahre zu sagen, also die unrichtige Meinung zu haben, sondern nur noch, mit ihrer Meinung allein zu bleiben. Es gibt deshalb zum psychologischen Begriff der Verdrängung eine bedeutsame soziologische Entsprechung: die „Schweigespirale“.
Die Logik der Schweigespirale
Das Grundkonzept der Schweigespirale lässt sich ganz einfach darstellen. Wer den Zorn der anderen fürchtet, schließt sich leicht der Meinung der scheinbaren Mehrheit an, auch wenn er es eigentlich besser weiß. Er bringt sich selbst zum Schweigen, um seinen guten Ruf nicht aufs Spiel zu setzen. Das ist der Ansatzpunkt für eine Dynamik, die Alexis de Tocqueville schon 1835 entdeckt hat. Aber erst Elisabeth Noelle-Neumann hat den Begriff dann in den 70er-Jahren medienwissenschaftlich ausgearbeitet und ihn Schweigespirale genannt. Sie wird heute von der Politischen Korrektheit genutzt. Sie ist zum einen durch die Verschmelzung von Thema und Meinung gekennzeichnet – man darf zu bestimmten Themen nur eine Meinung haben. Zum andern haben wir es mit einer Moralisierung am Medienpranger zu tun – dem politisch Unkorrekten wird der Schauprozess gemacht.
Die Ausgangsüberlegungen der Schweigespirale sind wohl unstrittig. Man glaubt, was andere glauben, weil sie es glauben. Und wer zu einem Thema bisher eine andere Meinung hatte, kann sie ohne Gesichtsverlust ändern, wenn und solange er anonym bleibt, also schweigt.
Man beobachtet deshalb ständig, wie die anderen die Welt beobachten, und dadurch wird in jedem von uns ein quasi-statistischer Sinn trainiert, mit dem man Beobachtungen über die Meinung der anderen anstellen kann: Was man so sagt. Doch was man so sagt, ist in Demokratien zumeist die Meinung gut artikulierter Minderheiten. Mit anderen Worten: In der Mediendemokratie werden die Menschen durch eine Sprache versklavt, die als die unwiderrufliche der Mehrheit auftritt, in Wahrheit aber von gut organisierten Minderheiten lanciert wird. Die öffentliche Meinung verhilft also immer häufiger nicht der Majorität, sondern der Orthodoxie zum Ausdruck. Diese Orthodoxie heißt heute Politische Korrektheit.
Wohlgemerkt: Die Mehrheit kann durchaus abweichender Meinung sein, aber sie täuscht sich oft über die Mehrheit, denn niemand kann wissen, ob eine Meinungsäußerung der Ausdruck eines unabhängigen Urteils, einer Informationskaskade oder der Selbstzensur ist. Noelle-Neumann resümiert: „Die Bevölkerung täuscht sich über die Bevölkerung.“ Dabei ist entscheidend, dass die Masse zumeist das kritische Urteil der Intellektuellen über die Masse teilt: Die anderen sind so! Erst das macht die Schweigespirale unentrinnbar.
Öffentliche Meinung ist also nicht das, was die Leute meinen, sondern das, was die Leute meinen „was die Leute meinen“. Und die Massenmedien informieren uns vor allem darüber, dass die meisten der gleichen Meinung sind. Wenn man aber sagt, dass die öffentliche Meinung die Versklavung der eigenen Meinung darstellt, dann muss das nicht nur heißen, dass ich die Meinung der anderen übernehme.
Die Massenmedien setzen vor allem auch Schemata der Wahrnehmung und „wichtige“ Themen durch, zu denen man auf Dauer nicht „keine Meinung“ haben kann. Sie imprägnieren uns mit ihrem zweiwertigen Code: dafür sein oder dagegen sein. Wer nicht gegen Atomkraftwerke ist, ist dafür; wer nicht für Windkraftanlagen ist, ist dagegen – und exponiert sich. Und genau hier schlägt die Freiheit in Sklaverei um. Es gibt einen sozialen Evolutionsdruck in Richtung immer größerer Konformität. Die Emanzipation der Vernunft von der Tradition hat ein Orientierungsvakuum geschaffen, das die Gewalt der öffentlichen Meinung unwiderstehlich macht.
Der neue Konformismus
Um uns diesen Konformismus schmackhaft zu machen, verkauft man ihn als sein Gegenteil: Individualisierung. Jeder ist, wie jeder andere, jedermann. Das ist schwer zu ertragen, und begierig greift man deshalb Angebote der Identität und Einmaligkeit auf. Die Individualitätswerte sollen die wachsende Abhängigkeit und Ersetzbarkeit jedes Einzelnen in der modernen Gesellschaft kompensieren. Das Ziel dieser Individualität ist aber das ganz Allgemeine: anders als alle anderen zu sein.
Wir haben es hier also mit einer Spielart der Sei-spontan-Paradoxie zu tun: Weiche vom Gewohnten ab! Wenn unsere Kultur aber Einzigartigkeit für jedermann verspricht, dann ist eigentlich nur ein Weg zu diesem Ziel offen: die Kopie. So trifft man in den Straßen der Metropolen auf die Herde der Individualisten. Ihre blauen Haare und Piercings, aber auch ihre „authentischen“ Unverschämtheiten, ihr Drang, sich zu „outen“ und Intimitäten zu „posten“, manifestieren den Zwangscharakter des modischen Nonkonformismus.
Die sogenannten Qualitätsmedien, vor allem aber die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sind hierzulande wahre Treibhäuser des Konformismus. Aufklärung ist die Lebenslüge des deutschen Journalismus. Wenn die Massenmedien ihrem traditionellen Anspruch auf Aufklärung nämlich gerecht werden wollten, müssten sie ihrem Publikum den Dissens zumuten. Gleichgesinntheit ist der größte Feind der Aufklärung.