Ich habe diesen Text an die Verfasser geschickt und hoffe, dass ich weder die falsche Email-Adresse erwischt und den richtigen Ton getroffen habe.
Dear Mr. Kleinberg,
Please forgive me for having to write to you in German. Unfortunately, my English is very poor, but my desire to write to you and the other signatories of your open letter is greater than my shame for my poor language skills
Ich habe heute durch Zufall von ihrem Brief “Statement on Behalf of israel-based Progressives and Peace Activists” gelesen. Es war für mich nicht so leicht den Text als Ganzen zu bekommen. Vor wenigen Stunden habe ich ihn erhalten.
Ich bin kein Intellektueller, verstehe mich als Linker und bin seit Jahrzehnten politisch aktiv – ich gehöre nicht zu den bekannten Menschen und ich bin nicht unbedingt gut darin, meine Gedanken präzise zu formulieren und hier Ihnen eine angemessenen Text zu schreiben. Aber die Situation zwingt mich dazu, zwingt mich dazu, wenigsten ein paar einfache Worte der Solidarität, der Unterstützung und der Hochachtung für Ihren Brief zum Ausdruck zu bringen. Zwingt mich, weil meine Unfähigkeit banal und unwichtig ist und weil mir durch Ihren offenen Brief bewusst geworden ist, dass es wichtigeres gibt, als einen ausgefeilten und intellektuell anspruchsvollen Brief zu schreiben. Ein klares, ich stehe zu ihnen, wir sind da und haben Sie nicht vergessen. Das ist tausend Mal wichtiger, als alles andere.
Vorab, ich, meine Familie, meine Mitarbeiter, Freunde und Bekannte; alle sind erschüttert vom Massaker, dass die Hamas angerichtet hat. Unsere Gedanken sind bei den Familien vor Ort, den Angehörigen der Opfer, den Geiseln – ein unerträglicher Gedanke, was ihnen bevorsteht und welches Leid sie ertragen müssen. Gleichzeitig sehen wir die Bilder aus dem Gaza, sehen auch dort Menschen, die wahrscheinlich genauso wie jeder Menschen auf dieser Welt einfach nur in Frieden leben möchte – und wir wissen, dass wir unfähig sind, dieses alles zusammen zu bekommen und zu verstehen. Auch wissen wir, dass das Töten erst begonnen hat und wir wissen, dass wir viel Glück brauchen, damit dieses Töten nicht zu einer absoluten Katastrophe wird.
Das ist ein Teil unsere Sprachlosigkeit. Gleichzeitig wissen wir überhaupt nicht, wie wir uns solidarisch zeigen sollen, ohne das es banal und abgedroschen wirkt. Welche Wort müssen wir finden, die nicht schon so oft gehört und so leer sind: Solidarität, auf dem Sofa sitzend und ohne Verbindlichkeit. Das kann ich nicht. Das empfinde ich als Verhöhnung, das haben Sie nicht verdient. Das hat niemand verdient.
Ihr offener Brief ist so wichtig und zeigt auf, dass es nicht nur den Hass, Macht und Unterdrückung gibt. Er schiebt aber auch den Finger tief in die Wunde: was ist das für eine Linke, die nur in der Vergangenheit, in alten Mustern und schon immer krudem Denken, Lösungen sieht? Es ist umso wichtiger aufzuzeigen, dass es auch progressive Menschen und Linke gibt, die dieses Denken nicht haben. Wir stehen an Ihrer Seite. Wir unterstützen Ihre Gedanken, wir wünschen uns irgendetwas unternehmen zu können, was Ihnen hilft. Wir stehen nicht wie Vasallen zu Ihnen, wir stehen wirklich hinter Ihnen. Wir reden Ihnen nicht nach dem Mund, haben Fragen und sehen einiges kritisch – das ist das, was ich mir von einem Freund wünsche, was ich erwarte und erhoffe. Und wir wissen, dass der Respekt ein klares Statement einfordert und die Frage der Kritik hier gerade nichts zu suchen hat.
Zumindest möchte ich, wollen wir, klar zum Ausdruck bringen, dass Sie nicht alleine stehen, dass es sehr viele Menschen auf der Welt gibt, die sich wünschen, dass Ihre Stimme laut und überall zu hören ist. Man darf die Stimmen der Enttäuschung nicht überhören. Sie schmerzen, weil Sie, weil wir, etwas anderes erhofft haben und zu recht auch erwarten dürfen. Aber vergessen wir nicht, dass viele Menschen einen anderen Weg wollen. Ihr Brief ist ein Ausdruck von dem, was viele Menschen denken. Menschen, die im Unterschied zu den bekannten Linken, den Intellektuellen keinen dogmatischen Weg gehen, die einfach nur ihrem Verstand, ihrem Gewissen und ihrer Vernunft folgen.
Zu viele Worte von mir, zu viele unsortierte Gedanken in mir.
Ich wünsche mir, dass diese paar Zeilen Ihnen, den Schreibern des Briefes zeigen, dass Sie nicht alleine dastehen. Es würde mich freuen. Und ich möchte mich bei Ihnen bedanken: Ihr Brief gibt mir Hoffnung – so paradox das für Sie klingen mag. Ihr Brief zeigt mir und sicherlich vielen anderen Menschen, dass selbst in der größten Verzweiflung humanitäres und klares Denken nicht zwingend verloren geht und dass Menschen in der schrecklichsten Situation zu so großen Gedanken in der Lager sind.
In großer Demut und in dem Wunsch, dass Sie gut und mit möglichst wenig Leid durch diese Zeit kommen