Das Problem ist eben, dass da mittlerweile Schuld die falsche Kategorie ist. Sie ist nicht grundsätzlich falsch, nur insofern, dass man halt hier nicht im Schadensersatzrecht ist. Da kann man - man kennt das von Verkehrsunfällen - schauen, wer was gemacht hat, vergleicht das mit dem Sollzustand und der Verantwortlichkeit für Betriebsgefahr, und teilt dann die Schuld notfalls zwischen den Parteien auf, bzw. wo man es nicht kann, zahlt dann halt jeder seinen eigenen Schaden.
Hier funktioniert das so nicht. Selbst, wenn man sich darauf zurückzöge, mangels genauer Entscheidbarkeit habe jede der Seiten den eigenen Schaden zu tragen, hiesse das was?
Selber Schuld, wenn Palästinenser sterben, weil doch die Terroristen unter ihnen sind?
Selber Schuld, wenn Israelis sterben, weil die doch nun wirklich wissen müssten, dass die Araber sie dort nicht wollen? Selber schuld, wenn ihr in besetzten Gebieten gegen Völkerrecht eure Siedlungen errichtet?
Würde das den Konflikt lösen, oder auch nur besser verständlich machen, einer Lösung somit näher bringen können?
Das Völkerrecht widerum ist nicht hilfreicher:
Ihr, Araber, die von der Hamas, ihr habt Israel völkerrechtswidrig angegriffen!
Ihr Israeli, ihr habt ein Recht, deshalb euch zu verteidigen. Aber: Ihr bringt Leute um, die ihr nicht umbringen dürft. Lasst sie verhungern, verdursten, verbluten-
Wer hat denn da Recht?
Meines Erachtens gibt es in dieser Betrachtungsweise keine gültige Auflösung dieses gordischen Knotens.
Als Individuen haben wir aber den Vorteil der Subjektivität, den Vorteil des Mitgefühls. Unter Einbusse und damit Preisgabe der Objektivität. Wir haben eine Meinung, vielleicht ein Gefühl, was sein sollte. Dafür verlieren wir die Legitimierung, anderen ihre Zustimmung dazu abzuverlangen, da die ja ebenfalls ihre je eigene Sichtweise auf die Dinge haben dürfen müssen, andernfalls wir unser Recht auf ebensolches nicht weniger in Frage stellten, als deren.
Ich habe da, einfach aufgrund der mir bekannten Weltgeschichte der jüngeren Vergangenheit, eine klare Präferenz für Israel; ohne Vorbehalte ist das freilich nicht, und eben diese Vorbehalte zu äussern hat mir hier schon harschen Gegenwind - ums nett und zurückhaltend zu sagen - eingebracht. Meine Position hat sich seither nicht verändert.
Es spielt bei dieser, meiner persönlichen Einschätzung mehr eine Rolle, als man gemeinhin unter den Nahost-Konflikt subsummiert. Unter anderem die wohl auch objektiv zutreffende Einschätzung, dass man auf Israel als sichere Heimat für Juden vor dem Hintergrund des II. Weltkriegs nicht verzichten kann. Somit ist klar, wer diesen Krieg wird gewinnen müssen. - Nicht anders, als das auch für den Ukrainekrieg klar ist.