Ich muss mein Zeug ja irgendwohin verkaufen. Das geht also an einen der nächsten Händler. Direktabnehmer wo es bessere Konditionen gäbe sind in meiner Größe schwierig. Die wollen eher größere Mengen, und dann geliefert wenn sie es brauchen. Hier wie da, ists den Aufkäufern relativ egal woher das Zeug kommt. Von mir, aus Frankreich, aus Brasilien oder der Ukraine. Transport um die halbe Welt kostet fast nix. Wer billiger liefern kann, von dem wird gekauft. So einfach ist das.
"Umweltfreundliche Alternativen" wie zB Lupine sind im Anbau riskant und zudem schwierig zu vermarkten. Mein Händler will sie nicht. Den letzten Posten habe ich nach einigen Mühen nach Hamburg verkauft (wurde wohl anschließend verschifft).
Mein lieber Sepp,
wir sind gerade dabei, den landwirtschaftlichen Betrieb meines verstorbenen Onkels (in Mittelfranken) abzuwickeln.
Hier in meiner Gegend kaufen sich seit einigen Jahren die Betriebe alle gegenseitig auf. Und die sind schon alle mehrere hundert oder tausend Hektar groß.
Ich stelle Stück für Stück um von aktiver Landwirtschaft zur Rente - bis 2032 ist der Laden dicht. Dann werden die Flächen von einem der umliegenden Großunternehmen bewirtschaftet. Als Unternehmer denkt man in die Zukunft. Als ich 2013 den Betrieb von meinen Eltern übernommen habe, hatte ich diesen Ausstiegspunkt angepeilt. "Am Ball bleiben" ist hier nicht mehr möglich. Schon länger nicht mehr. Leider hat sich herausgestellt, dass ich mich ein wenig verschätzt habe. Die Rahmenbedingungen haben sich schneller verschlechtert, wir sind heute schon da wo ich die 2030er gesehen habe.
Die nächste Generation stünde mit Interesse bereit. Zukunft hat sie aber hier eine schwierige.
Aus unserem Familiennähkästchen geplaudert:
Meine Vorfahren väterlicherseits betrieben seit Generationen Landwirtschaft in D.
Mein Vater verdiente gutes Geld in der Wirtschaft in den 70ern bei UVEX (Cheffe der EDV und Buchhaltung).
Kaufte sich ne kleine Landwirtschaft in Ö.
Nach der Wende Verkauf und Umsiedlung in den Osten. Dieser Schritt wurde notwendig, um wirtschaftlich rentabel zu bleiben. Stück für Stück von 47 Hektar auf 75 vergrößert.
Da sitze ich jetzt. Die weiter unten zu sehenden Bildleins zeigen den Hof, wie die DDR ihn zurückgelassen hat.
Mitte/Ende der 90er stand im Raum, zu verkaufen und nach Kanada (Manitoba) umzusiedeln und eine 800 ha Farm zu kaufen. Wie zuvor, aus wirtschaftlichen Gründen. Er hatte auch seine Kinderlein zu der Idee befragt, und wir waren wohl von der Idee nicht so recht begeistert. Ich weiß nicht, warum mein Vater das nicht trotzdem gemacht hat.
Also wurde 1997 in Ungarn investiert, 300 ha Nähe Gyor. Das macht jetzt mein jüngster Bruder. Ich stehe ihm bei, wenn ich was bewirken kann. Ein schwieriges Pflaster dort.
Woher kam das Geld für alles? Nicht aus dem operativen Geschäft der Landwirtschaft. Um diese Investitionen zu stemmen wurden Land oder Immobilien liquidiert, die vorherige Generationen erwirtschaftet hatten.
Wir sind als Familie nie in den Urlaub gefahren. Mein Vater war immer am Arbeiten. Außer Sonntags (von der Erntezeit abgesehen). Nach der Schule bin ich heim und dann war Arbeit angesagt. Nicht jeden Tag, aber meistens. Während andere im Sommer ins Freibad sind, hatte ich 16h Arbeitstage. Zumindest, wenn es nicht geregnet hat. Drei Wochen lang. Im Winter bei Schnee und -15 Grad in den Wald (damals war noch Winter).
Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn ich mir Zeilen wie deine durchlese, macht mich das traurig. Und ein wenig bitter.
Gruß,
Michael