Was für die einen ja super einfach ist, fällt mir doch etwas schwerer:
Die beiden hier hauptsächlich diskutierten Kriege sind grundsätzlich unterschiedlichem Ursprungs: Russlands Krieg ist ein irrationaler auf Imperialismus, Macht und Unterdrückung aufgebauter Krieg. Meine Meinung habe ich dazu geschrieben; die größte Chance das Grauen nicht ausufern zu lassen ist ein entschlossenes Handeln. Es wird kein Ende geben, wenn es nicht gelingt Putin zum Rückzug zu zwingen. Jeder Waffenstillstand wird für die Vorbereitung des nächsten Übergriffs genutzt - mal mit Waffen, dann mit Manipulation oder wirtschaftlichen Abhängigkeit von "Verbündeten". Diesen Krieg hätte es nicht geben müssen, eine eindeutige Positionierung 2014 hätte nach meiner Meinung einiges Verhindern können. Hinterher ist man immer schlauer.
Der Krieg der Hamas gegen Israel hat komplett andere Ursachen: da ist die Geschichte Israels, die Gründung 1948 über die Köpfe eines Teils der Bevölkerung hinweg und das damit verbundene Unrecht bzw. Leid. Die Schuld sehe ich da weniger bei Israel oder den Palästinensern - in dieser Phase hat die Weltgemeinschaft versagt.
Letztendlich hat dieser Konflikt einige Ähnlichkeiten mit dem Konflikt um Irland: Land wird besetzt, Menschen ziehen (oder wurden gezogen) in dieses Gebiet, andere Menschen verlieren. Es gibt ein sehr großes Gefälle was Lebenserwartung, Reichtum und Chancen angeht. In Irland hat es Jahrzehnte gedauert, bis die Parteien eingesehen haben, dass es so nicht weiter gehen kann. Vor allem GB hatte verstanden, dass man zwar die Macht haben kann, Unrecht aber nicht mit Waffen zu bekämpfen ist. Ab diesem Zeitpunkt konnte es eine Annäherung der direkten Konfliktparteien geben. Damit begann auch die wirtschaftliche Besserstellung der katholischen (noch) Minderheit. Das hat zu einer sehr großen Befriedung geführt. Wesentlich ist hier allerdings auch die EU, die direkt und indirekt deutlich zum Friedensprozess betragen konnte. Das fehlt leider im Konflikt Palästinenser und Israel.
Nach meiner Meinung ist der Tiefpunkt fast erreicht: die Hamas hat deutlich verloren, die Palästinenser haben so wenig Zukunft wie nie, Israel verliert gerade seine Ideologie des Zionismus, die Gesellschaft ist gespalten und der Weg der Macht kommt eindeutig an ihre Grenzen - die moralische Grenze ist überschritten. Das ist die Chance mit neuen Ansätzen Menschen auf beiden Seiten mitzunehmen und eine Perspektive aufzuzeigen. Es müssen, wie nach jedem Konflikt bestimmte Punkte berücksichtigt werden: es muss eine Annäherung der Chance geben. Es muss eine Selbstbestimmung der verschiedenen Gruppen geben. Es muss auf Augenhöhe die Lösung erarbeitet werden und sie muss von den Gruppen selbst erarbeitet werden.
Da es niemals eine zwei Staatenlösung mit gleichen Chancen geben kann, halte ich die Idee eines Staatenbundes oder zweier Staaten auf einem Gebiet für die realistischste Lösung. Bestimmte Bereiche werden Stück für Stück geneinsam besetzt - ja, kaum Vorstellbar, das Palästinenser und Israelis in einer Armee kämpfen - man kann im kleinen Anfangen und die Bereiche immer weiter Ausbauen.
Bevor mir jetzt jede Kleinigkeit als unmöglich und utopisch um die Ohren geschrieben wird: die letzten Jahrzehnte sind der Beweis, das es so nicht funktioniert. Also müssen einfach auch mal andere Ideen durchdacht und eventuell auch mal ausprobiert werden.
Es wird niemals einen schnellen Weg geben. Die Generation, die das Leid erfahren hat wird sich kaum aus dem Schmerz befreien können. Aber es kann jetzt von den Vernünftigen beider Seiten ein Weg skizziert werden, der erst einmal einen Waffenstillstand und dann Stück für Stück frieden bringen kann.
Die Frage, was das hier soll, stellt sich mir nicht: jede halbwegs vernünftige Diskussion und der Austausch von Gedanken, macht etwas mit einem. Im Zweifel entwickeln wir uns weiter und wir verlassen nie funktionierende, aber bekannte Denkmuster. Dazu benötigt es noch nicht einmal einer Meinung.