"Man höre sich nur kurz mal an, wie ein Journalist des reichweitenstärksten Senders Fox News in den USA zwischen „die“ und „wir“ unterscheidet und „die“ - gemeint sind alle Trumpgegner - als Ratten bezeichnet. Ein Mitglied der Medienkaste begeht vor laufender Kamera Hochverrat am ernsthaften und seriösen Journalismus, aber hier in Deutschland wird mit großer Leidenschaft darüber gestritten, ob Theveßen in einem kurzen Moment seiner seit Jahren seriösen Berichterstattung 100prozentig korrekt berichtet hat oder nur zu 95 Prozent ( wie ich meine), oder ob er DAS VOLK BELOGEN hat, wie die von rechts Verblendeten nicht müde werden zu behaupten. Was hier wohl los wäre, wenn Theveßen die Trump- oder die AfD-Wähler als Ratten bezeichnete?
Haufenweise werden Korinthen gekackt wegen dieser paar Theveßen-Sekunden, während die Trumpisten seit einem Jahrzehnt die halbe Welt in ihren Lügensumpf ziehen und die ganze Welt mit ihrer nihilistischen Scheiße fluten. Gleichzeitig wird Theveßens lässliche Sünde genüßlich hergenommen, um mal wieder Hasstiraden gegen den ö.-r. Rundfunk vom Stapel zu lassen und seine Abschaffung zu fordern.
Gegen solchen Hochverrat gegenüber jeglicher Wahrhaftigkeit hilft nur, Dämme und Deiche zu bauen, damit die Shit-Flut nicht auch über uns hereinschwappt, und einer der wichtigsten Dämme sind die ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN SENDER! Das aber wird von vielen bestritten, wie man in den Kommentaren zu meinem gestrigen Post nachlesen kann.
Weil aber das Kommentieren nicht aufhört und ich mit dem Lesen nicht mehr nachkomme, geschweige denn mit dem Beantworten, und ich daher um Nachsicht bitten muss, will ich mich jetzt einem Vorwurf widmen, der sich in den Kommentaren zu meinem Post verlässlich wiederholt:
In der Sprache der Vernünftigen und Gemäßigten lautet der Vorwurf: Das ö.-r. Fernsehen ist weder neutral, noch ausgewogen.
In der Sprache der Dumpfbacken lautet er: Der Staatsfunk/Schundfunk/Zwangsgebührensender ist eine rot-grün versiffte Verschwörung gegen das Volk, das dafür auch noch zahlen muss.
Zuerst eine Frage an die Dumpfbacken: Wenn das Fernsehen so rot-grün versifft ist, wie Ihr behauptet, wie erklärt Ihr Euch dann, dass Rot-Grün schon lange keine Mehrheit mehr hat in Deutschland? Dass Habeck raus, Baerbock in New York, die Partei der Grünen in der Opposition und Merz Kanzler ist? Und warum verfügt Rot-Grün nicht über eine satte Zwei-Drittelmehrheit im Bund, in den Ländern und in den Kommunen, wenn Euer „Staatsfunk“ das Volk doch so dermaßen links-grün indoktriniert, wie Ihr nicht müde werdet zu behaupten?
Ich will Euch erklären, woran das liegt: Die Journalist*innen im Fernsehen stehen, wie manche Studien nahelegen, tatsächlich eher links. Aber auf ihre Berichterstattung schlägt das nicht durch. Sie sind Profis. Sie verstehen ihr Handwerk, und darum hüten sie sich vor Parteipropaganda. Sie bemühen sich täglich aufs Neue um Objektivität und Ausgewogenheit, und weil nicht alle links sind, sondern viele auch konservativ, liberal, grün, gibt es auch zahlreiche Diskussionen zwischen ihnen über die Frage, was und wie berichtet werden soll. Und in den Aufsichtsgremien (Fernsehen- und Verwaltungsrat) sitzen Vertreter aller Parteien und aller gesellschaftlicher Gruppen, die verlässlich auf der Matte des Intendanten stünden, wenn das Programm eine bestimmte Schlagseite erhielte.
Jetzt zum Vorwurf, das Fernsehen berichte weder ausgewogen, noch neutral, zu dem gesagt werden muss: Gott sei Dank ist das Fernsehen nicht neutral. Es ist so wenig neutral, wie das Grundgesetz und das Verfassungsgesetz neutral sind. Das Grundgesetz in seiner Unausgewogenheit verlangt, dass bestimmte Werte unbedingt gelten müssen in Deutschland. Und es verlangt vom ö.-r. Rundfunk, dass er für genau diese Werte eintritt. Es verlangt nicht, ja verbietet sogar, Parteipropaganda zu machen. Parteipolitisch soll das Fernsehen natürlich neutral sein. Unpolitisch sein soll es aber nicht.
Das heißt: Das Fernsehen hat sich gegen Rassismus, Sexismus, Machotum, Homophobie, Migrant*innenfeindlichkeit zu positionieren, gegen die Verletzung der Menschenwürde, für die Achtung der Menschenrechte, für die Gleichstellung der Geschlechter. Und auch für den Vorrang der Wissenschaft gegenüber sogenannten Querdenkern, Sektierern, Teufelsanbeutern, Aluhutträgern und allen Spökenkiekern dieser Welt. Das ist der eine Auftrag des ö.-r. Rundfunks. Also kurz gesagt: Es entspräche nicht dem Auftrag des ö.-r. Rundfunks, sich in einer Diskussion zwischen einem Naturwissenschaftler und einem Anhänger der die-Erde-ist-eine-Scheibe-Lehre vornehm herauszuhalten und zu sagen, man müsse halt auch die „alternativen Fakten“ gelten und gleichberechtigt neben wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen lassen. Und man müsse den Scheibentheoretikern genauso viel Sendezeit einräumen wie den Wissenschaftlern. In den USA gibt es längst eine Tendenz zu dieser Perversion von Ausgewogenheit.
Der andere Auftrag lautet, jedem Bürger und jeder Bürgerin die Information zu liefern, die man braucht, um sich selbst ein Urteil bilden zu können. Deshalb scheiden Tag für Tag Heerscharen von Redakteur*innen und Nachrichtenagenturen die Spreu vom Weizen, die News von Fakenews, die Lüge von der Wahrheit. Gesendet wird erst, wenn eine Information geprüft und von mindestens zwei Quellen belegt ist. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist die Institution, deren Aufgabe es ist, eine Faktengrundlage für den öffentlichen Diskurs bereitzustellen.
Weil aber die Welt kompliziert ist, die Wahrheit komplex und die Zahl der Meinungen und Interpretationen von Fakten schier unüberschaubar ist, muss der ö.-r. Rundfunk auch versuchen, Schneisen zu schlagen in das dschungelhafte Dickicht, das wir „Wirklichkeit“ nennen. Es darf die Menschen mit den bloßen Fakten nicht alleine lassen. Es muss bestimmte Dinge auch einordnen, es muss Experten zu Wort kommen lassen, es muss aufklären, und es darf auch kommentieren, aber alles innerhalb seriöser Grenzen. Das geht manchmal schief, dann wird es diskutiert, und es kann nachjustiert werden.
Aber insgesamt ist das ö.-r. Fernsehen in Zusammenarbeit mit dem seriösen Journalismus im Radio, im Netz und in den Zeitungen das Deich- und Dammsystem, das uns vor den Fluten an trumpistischer Scheiße schützt. Deshalb gilt hier die Devise: Deichen oder weichen. Erhalten wir die Dämme und Deiche (wobei mir der Unterschied zwischen Deich und Damm nicht klar ist, wie ich gerade merke).
„Flood the World with Shit“ hat Trumps ehemaliger Berater Steve Bannon gesagt. Trump hat sich daran gehalten, und ist damit Präsident der USA geworden. Alle Rechtspopulisten und -Extremisten dieser Welt wenden das Rezept nun auf gleiche Weise an. Sie sind damit umso erfolgreicher, je schwächer die seriösen Medien sind. Es liegt an uns, die seriösen Medien zu stärken, indem wir halt das Geld aufbringen für ein Abo der SZ oder der taz und für die Rundfunk- und Fernsehgebühren. Sie sind eine Versicherungsprämie gegen den Tod der Demokratie. Und das Korrektiv zu dem Schwachsinn, der in den asozialen Medien verbreitet wird."
Christian Nürnberger