Ich komme aus dem Ruhrgebiet, habe 9 Jahre in Duisburg gearbeitet und auch beruflich fast jeden Tag mit Jobcentern und Arbeitsagenturen zu tun gehabt. Hier weiß man, was Arbeitslosigkeit ist und auch was Armut bedeutet. Aber kein Jobcenter hat jemals die von dir genannte Quote gemeldet und hier brennt es wirklich.
Die Macher dieser Reform sagen sogar selbst, dass sie im Grunde über 0,7 % der Leistungsbezieher reden. Wer sich hinter dem Begriff Bürgergeldempfänger alles versteckt muss auch erst mal klar gesagt werden. So habe ich z.B. durch meinen Job eine ganze Menge Pflegefachkräfte kennengelernt, die nach 20 Arbeitsjahren schlicht berufsunfähig waren, einfach kaputt und so ins Bürgergeld gerutscht sind. Nur ein ganz kleines Beispiel, aber es sind zum allergrößten Teil keine Menschen, die "unser System ausbeuten". Ein wahnsinniges Spektrum an Schicksalen und Schicksalsschlägen tritt zutage, wenn man sich nur mal etwas damit beschäftigt. Das will natürlich keiner, es ist natürlich auch wesentlich einfacher, sie alle als "Schmarotzer" oder "in der sozialen Hängematte" zu bezeichnen.
Leider entwickelst du die gleiche Perspektive und Rhetorik wie unsere Politiker. Als Politiker muss ich mir über die Konsequenzen meiner Rede- und Handlungsweisen im Klaren sein. Das ist hier nicht der Fall, denn diese Reform führt in erster Linie zu einer Stigmatisierung der Menschen, die ohnehin zum großen Teil arm und "abgehängt" sind. Ein völlig falscher Ansatz, der nur durch populistische Symbolpolitik zu erklären ist. Darüber hinaus ist es natürlich eine Drohung an alle, die (noch) in Arbeit sind: Nehmt auch den miesesten Job an, denn sonst geht es euch noch schlechter.
Das alles bringt eine Gesellschaft nicht zusammen, sondern zerreißt sie förmlich.
Wer da in der SPD noch einem linken oder rechten Flügel angehört, ist völlig egal, denn diese Partei hat ihre Identität längst verloren und gerade dort, wo sie krachend versagt und die Menschen allein gelassen hat (Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, usw.) laufen eben diese Menschen der AFD hinterher, denn die SPD weiß nicht mehr so recht, für wen und für was sie eigentlich steht. Die äußerst ambivalente Haltung von Frau Bas, die ich auch schon persönlich kennenlernen durfte, ist dafür ein deutlicher Beleg: Erst "Bullshit" und jetzt "fairer Kompromiss". Es tut mir wirklich leid, aber Frau Bas ist nun wirklich kein Ausweis für eine nachhaltige und fortschrittliche Sozialpolitik.
In der Summe gibt es hier keinerlei ökonomischen Vorteil, nichts was den Menschen helfen würde, es wird nur eine weitere Lunte gelegt. Zu den Migranten kommen jetzt noch die Bürgergeldempfänger dazu, damit auch der letzte Depp kapiert, gegen wen man seine Aggression und seine destruktive Energie lenken muss. Meine Zynik hier bitte ich zu entschuldigen.