Zu den Berichterstattungen des WDR von der iranischen Großdemo in München .
Meine Email an den ARD-Intendanten:
Sehr geehrter Herr Hager,
mein Name ist Rana Issazadeh, ich bin seit 2011 als Rechtsanwältin im Bereich Migrationsrecht tätig; ich halte regelmäßig Vorträge und gebe Workshops zu den o. g. Themen. Seit November 2024 bin ich Mitglied des Integrationsbeirat Saarbrücken.
Einer der Schwerpunkte meiner Tätigkeit liegt im Bereich Asylrecht/Herkunftsland Iran. Ich bin insbesondere auf frauenspezifische Verfolgung/sexualisierte Gewalt gegen Frauen spezialisiert. Gerade aufgrund dieser Tätigkeit war mir das WDR-Format "WDRforyou" bekannt, da ich als persischsprachige Rechtsanwältin die Sorgen und Ängste geflüchteter Menschen kenne sowie die Fülle an Gerüchten und Halbwissen im Zusammenhang mit Asylverfahren. Auf Nachfrage meiner Mandant:innen habe ich in den letzten Jahren stets bestätigt, dass die bei "WDRforyou" vermittelten Informationen recht zuverlässig seien. Ich habe mir zwar in den letzten Jahren sehr wenige Sendungen angeschaut, aber die Sendungen, die ich mir bewusst von Zeit zu Zeit angeschaut habe, empfand ich als qualitativ in Ordnung.
Umso entsetzter bin ich seit einigen Wochen:
Als Rechtsanwältin, die berufsbedingt tagtäglich mit den Geschehnissen in der Islamischen Republik Iran beschäftigt ist, habe ich die Geschehnisse seit Ende Dezember 2025 sowie die Proteste in der Diaspora, insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland, sehr genau beobachtet. Innerhalb sehr kurzer Zeit verübte die iranische Regierung, eine theokratische Diktatur, ein Massaker mit tausenden getöteten Menschen. Auch wenn die genaue Zahl noch nicht ermittelt werden kann - die iranische Regierung selbst spricht von mehreren tausend Getöteten - steht zweifelsfrei fest, dass es sich um schwere Verbrechen des Völkerstrafrechts handelt. Infolge der Massaker ist es auch hier in Deutschland zu zahlreichen Aktionen der Solidarisierung mit den Menschen im Iran gekommen; es gab zahlreiche Demonstrationen, Kundgebungen etc.
Bereits im Januar wurden bei den Demonstrationen, die von iranisch-monarchistischen Kräften organisiert wurden, regelmäßig Parolen gerufen, die öffentlich zum Mord an Andersdenkenden aufriefen. Iranische Monarchisten sind im weitesten Sinne Menschen, die ihre Hoffnung auf eine grundlegende Veränderung im Iran an den Sohn des ehemaligen Monarchen Irans, Reza Pahlavi, knüpfen. Seit Januar gab es bundesweit keine monarchistische Demonstration, bei der nicht die Parole "Tod den drei Korrupten – den Mullahs, den Linken, den Mudschahedin" dominiert hätte.
Darüber hinaus werden seit Januar Menschen, die andere Fahnen als die Fahne mit dem Löwen-und-Sonnen-Symbol der iranischen Monarchie tragen, immer wieder verbal und physisch angegriffen. Die Fahne des iranischen Geheimdienstes unter der Shah-Diktatur, SAVAK, werden regelmäßig getragen, die Parole "Das ist die letzte Schlacht, die SAVAK kommt zurück" ist ebenfalls zu hören.
In Deutschland wie auch in anderen europäischen Ländern, den USA und Kanada sehen wir frauenverachtende verbale Gewalt, Androhung sexualisierter Gewalt, physische Angriffe, faschistische Parolen sowie Verhalten, das an die SA erinnert: In Wien haben beispielsweise führende Mitglieder der monarchistischen Bewegung, die in der Öffentlichkeit regelmäßig als Protagonisten der Bewegung erkennbar sind, in einem öffentlichen Video erklärt, man werde alle iranischen Restaurantbetreiber und Geschäftsinhaber dazu auffordern, die Fahne mit dem Löwen-und-Sonnen-Symbol zu hissen sowie Porträtbilder von Reza Pahlavi aufzustellen. Es gibt mehrere Videos, auf denen zu sehen ist, dass die gleichen Personen diese Drohungen in die Tat umsetzen, Menschen offen einschüchtern und Angst und Schrecken verbreiten.
Diese Geschehnisse, die ich hier stark zusammenfasse, sind bereits vor der großen Demonstration am 14.02.2026 in München passiert. Es ist mehr als verstörend, dass Bamdad Esmaili, eines der Gesichter von "WDRforyou" trotz Kenntnis dieser Entwicklungen, offen als Unterstützer der iranischen Monarchisten auftritt, während er keine einzige kritische Einordnung der o. g. Geschehnisse vornimmt. Dagegen hielt er es für erforderlich, die - historisch korrekten - Äußerungen des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers zu den Ereignissen im Iran im Jahr 1953 in einem langen Video am 12.02.2026 kritisch einzuordnen, wobei er mehr verschleierte als einordnete.
Die fehlende Distanz, die offene Unterstützung einer derartigen Bewegung war bereits vor dem 14.02.2026 eine inakzeptable journalistische Herangehensweise. Was aber seit dem 14.02.2026 geschehen ist, kann ich leider lediglich als grobe Missachtung grundlegendster journalistischer Sorgfaltspflichten bezeichnen:
Die im Kern anti-demokratische Demonstration am 14.02.2026 in München, mit klar faschistischen Tendenzen, wurde von drei ARD-Journalist:innen unkritisch begleitet, Nazi-Parolen wurden auf diese Weise normalisiert und damit auch legitimiert. Ich möchte chronologisch beginnen und mich auf die wichtigsten Punkte beschränken:
Bereits im Vorfeld, am 09.02.2026, haben die Veranstalter der Demonstration, das "The Munich Circle e. V." offiziell in deutscher, persischer sowie englischer Sprache folgendes verlautbaren lassen:
"1. Separatistische Symbole, Flaggen und Slogans haben bei der Kundgebung in München keinen Platz. 2. Bitte nehmen Sie an dieser Kundgebung mit der Nationalflagge, der dreifarbigen Löwe-und-Sonne-Flagge (Shir o Khorshid) sowie nationalen und patriotischen Symbolen teil.". Nachdem es zu Auseinandersetzungen bei vorherigen Demonstrationen gekommen war, wo beispielsweise iranische Frauen mit "Frau, Leben, Freiheit"-Fahnen mit frauenverachtender verbaler Gewalt angegriffen wurden, war es offensichtlich, dass sämtliche Fahnen als "separatistisch" diffamiert wurden. Auf Nachfrage, ob man Israel-Fahnen mitbringen dürfe, antworteten die Veranstalter, dass Israel-Fahnen selbstverständlich erlaubt seien.
Eine der wenigen nicht-iranischen Redner:innen auf der Bühne war Alessia Ambrosi, Abgeordnete der italienischen, rechtsextremen Regierungspartei Fratelli d’Italia.
Auf der Bühne, auf der auch Reza Pahlavi sprach, wurde mehrmals die an die Nazi-Parole angelehnte Parole "Ein Heimatland, eine Flagge, ein Führer" skandiert, unter anderem von Iraj Mesdaghi, der 10 Jahre lang als politischer Häftling in iranischen Gefängnissen saß, wegen seiner damaligen Zugehörigkeit zur Oppositionskraft Mojahedin-e-Khalq (MEK). Heute ist er eine der Protagonisten der monarchistischen Pahlavi Bewegung. Unter tosendem Applaus wurde diese Parole auf der Bühne von weiteren iranischen Rednern skandiert, mitten in München im Jahr 2026.
Dass die Menschen, die am 14.02.2026 vor Ort in München waren, in ihrer Mehrheit vermutlich über wenig historisches Wissen verfügen, weder über den Iran und erst recht nicht hinsichtlich der deutschen Geschichte und diese Parole nicht als Nazi-Parole erkannten, entbindet die anwesenden ARD-Journalist:innen nicht von der Verantwortung. "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" ist eine zentrale Nazi-Parole gewesen; diese Kenntnis sollte man von Journalist:innen der ARD erwarten können.
Ich frage mich wirklich, aus welchem Grund Bamdad Esmaili mehrere Propaganda-Videos von diesem Tag postete, Natalie Amiri mit etwas mehr Distanz als Esmaili, allerdings dennoch Bilder und Videos von dem Tag postete, ohne die Nazi-Parolen, ohne die zahlreichen faschistischen Tendenzen, die die gesamte Demonstration durchzogen haben, zu erwähnen. Eine weitere Parole während der Demo lautete: "Wir sind Arier, wir verehren keine Araber". Besteht seitens dieser Journalist:innen wirklich keine Kenntnis der deutschen Geschichte, kein Bewusstsein über Nazi-Parolen, über die Arier-Ideologie, über die Folgen dieser Ideologie?
Ist es nicht gerade der Auftrag des WDR-Formats "WDRforyou", hier lebenden Migrant:innen ein Bewusstsein über die deutsche Geschichte zu vermitteln, gerade über diesen Teil der deutschen Geschichte? Werden nicht an anderer Stelle fragwürdige Aufträge in Millionenhöhe an noch fragwürdigere Projekte/Unternehmen vergeben, für ein "nationales Konzept" für den Umgang mit "importiertem Antisemitismus" hier lebender Menschen aus muslimisch-arabischen Ländern?
Wissen die ARD-Journalist:innen nicht, dass vor genau 10 Jahren in München ein junger Deutsch-Iraner 9 Menschen tötete, weil er sich selbst als "Arier" wahrnahm und die Menschen, die er tötete, als nicht-lebenswertes Menschenleben erachtete?
Nicht nur, dass die ARD über Wochen hinweg keinen einzigen Bericht über o. g. Geschehnisse herausgegeben hat; an diesem 14.02.2026 waren offensichtlich mehrere ARD-Journalist:innen vor Ort, in München, die offensichtlich keinen einzigen kritischen Punkt benannt, geschweige denn kritisch beleuchtet haben: Eine Bewegung, die - in der Führungsriege wie auch in der Basis - frauenverachtend, gewaltverherrlichend, völkisch-nationalistisch und faschistisch ist, die, obgleich sie noch nicht einmal an die Macht gelangt ist, alle Andersdenkenden ausgrenzt, verbal diffamiert, ihnen Hinrichtungen androht und in SA-Manier einschüchtert, mit einem vollkommen aus der Zeit gefallenen Führerkult, dessen "Führer" Reza Pahlavi, in einem schriftlich ausgearbeiteten Programm eine nicht demokratisch legitimierte Machtfülle für sich in einer sog. "Übergangsphase" bis zu einem Referendum über die Staatsform beansprucht.
Der iranisch-kurdische Sozialarbeiter und politische Aktivist Shoan Vaisi hat Sie auf einige dieser Punkte hingewiesen; Sie haben diesen Hinweis und die für uns liberale und linke Iraner:innen und Deutsch-Iraner:innen besorgniserregenden und gefährlichen Entwicklungen mit Allgemeinplätzen relativiert.
Es geht mittlerweile nicht mehr nur darum, was im Iran passiert und wie wir die Menschen dort in ihrem Kampf gegenüber einer theokratischen Diktatur unterstützen können; es geht mittlerweile auch um unsere eigene Sicherheit hier in Deutschland, um die körperliche Unversehrtheit unserer Familien, von Menschen, die politisch links oder liberal eingestellt sind und weiterhin politisch aktiv sein möchten. Wir fühlen uns in diesem Klima nicht mehr sicher.
Es geht darüberhinaus auch darum, dass ich als deutsch-iranische Rechtsanwältin, die beruflich im antirassistischen Bereich tätig ist, politisch kohärent bin in Bezug auf meine Haltung zu jedweder rechtsextremer Ideologie: Ich kann nicht nur dann antirassistisch und antifaschistisch sein, wenn diese Ideologie von der AFD ausgeht und bei türkischen Mitgliedern der Grauen Wölfe oder bei iranischen Mitgliedern einer rechten Bewegung meine Augen verschließen.
Schließlich sehe ich mich auch in der Verantwortung gegenüber meinen Mandant:innen, die verängstigt und fassungslos sind darüber, dass man in Deutschland politische Gegner öffentlich mit dem Tod bedrohen kann, ohne strafrechtliche Konsequenzen zu befürchten, ohne mediale Würdigung dieser Vorgänge. Dies ist eine Form medialen Gaslightings: Diese Menschen fragen sich - und mich - warum in einem Land mit einer demokratischen Verfassung und dem Anspruch, eine Demokratie zu sein, nicht über das, was sie wahrnehmen, berichtet wird.
Gerade auch ein Vergleich der deutschen Berichterstattung palästinasolidarischer Demonstrationen offenbart eine erhebliche Schieflage, die kaum geleugnet werden kann. Erst im August berichteten Sie, die ARD, dass 48 Prozent der hiesigen Bevölkerung, also beinahe die Hälfte der Bevölkerung "wenig oder gar kein Vertrauen" in die deutsche Berichterstattung zu Gaza habe. Nach den vergangenen Wochen ist mein Vertrauen in die Berichterstattung, auch und gerade des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, noch weiter gesunken als zuvor.
Als deutsch-iranische, in Deutschland lebende Rechtsanwältin, die in Deutschland sozialisiert und politisiert wurde, halte ich es für meine Pflicht, gerade angesichts der deutschen Geschichte nicht zu schweigen.
Ich hoffe, dass Sie sich als ARD-Intendant ähnlich verantwortlich fühlen und es in dieser Angelegenheit zu ernsthaften Konsequenzen und grundlegenden Veränderungen kommt.
Sämtliche Quellen für die o. g. Fakten können in Form von Videos, Screenshots oder Links vorgelegt werden; ich bitte um entsprechende Mitteilung.
Freundliche Grüße
Rana Issazadeh
Rechtsanwältin