Ich habe zunehmend Mühe damit, dass man die Geschehnisse um die Wende mit dem Nazi-Problem im Osten in Verbindung bringt. Das kommt, leicht abgerundet, von Rostock Lichtenhagen, und greift viel zu kurz. Erstens, weil der Höhenflug der AFD kein Ost-Phänomen mehr ist, zweitens aber auch, weil man da weiter zurück muss. Wenn Du Dir zum Beispiel die blauen FDJ-Uniformen anguckst. Das sind die HJ in blau, quasi 1:1. Da war der Staat qua ordre de Moufti antifaschistisch und damit wars getan. Eben nicht. Aber es gab im realen Sozialismus, diesem Paradies auf Erden, eben quasi per Dekret keine Nazis. Und die Stasi sorgte dafür dass das so blieb. Nicht, weils so war, sondern weil die öffentliche Erwähnung des Gegenteils Unruhepotential hätte haben können. Da wars viel leichter, den Totalitarismus buchstäblich auf links zu drehen, und ihn für eigene Zwecke zu nutzen. Nicht nur waren Nazis nie weg - der Staat baute auf ihre Mittel auf, und brauchte die je näher dem Untergang, umso dringender. Plakativ ausgedrückt: Solange die Hemden blau statt braun waren, und die Liedtexte sozialismusgenehm, wurde nicht nur nichts gegen die Pest getan, sondern man pflegte deren Kultur der Ausgrenzung weiter. Zum Wohl der abgehackten Hände, oder Stalins, oder.... Hey Hony, ... Das gepaart mit dem gelernten DDR-Bürger, der seinem Staat spätestens irgendwann nach Schulabschluss innerlich kündigte, und allem was vom Staat kam, die Glaubwürdigkeit - damals zu recht - absprach, ergibt, wenn erstmal die Euphorie der Demokratie verflogen ist, ein Klima, in dem man eben im Zweifel in alte Muster zurückfällt. Der Staat und dessen Politiker können mich mal. Kriegens eh nicht auf die Reihe, Was machen solche Leute mit Ihrem Frust, wenn man denen den Wahlzettel gibt? Sie machen ihr Kreuz irgendwo, Hauptsache nicht da, wo es dem Staat hilft. Zudem kennt man das totalitäre besser, als man sich klar ist, und das mit dem gelernten DDR-Bürger, der eben die USA verteufelt, und den Grossen Bruder im Osten gewohnheitsmässig positiv sieht, hält noch für Generationen vor. - Im Zweifel reichts schon, dass ja nicht alles schlecht war. Und schon hat man den nächsten Frust. Dass das Gute von damals nämlich auch nicht überlebt hat. - Na warte, "denen geb ichs jetzt aber. Letztlich muss man mit der Freiheit umgehen können, muss auch Frustrationstolerant sein in einer Demokratie. Mal verliere ich, mal gewinnen die anderen, oder so. So ist das eben, wenn gewählt oder abgestimmt wird. Und das konnte sich nicht entwickeln. Man hat vielmehr eine antiinstitutionale Protestkultur, weil ja auf dem Dienstweg kaum je was zu erreichen war. Der Staat kann mich mal! Der ist nicht erhaltenswert. Und das sitzt so tief in der Gesellschaft drin, dass das heute noch nicht unerheblich ist. Ich glaube nicht, dass es um einfache Lösungen geht. Man hält Gegenrede nicht aus, ist Kompromisse nicht ghewohnt, und will die auch nicht, weil man grundsätzlich antistaatlich geprägt ist und den Teufel tun wird, diesen Staat, der sich grundsätzlich um seine Bürger nicht schert - das kann sich eben auch in einer Demokratie so anfühlen, wenn man nicht gewonnen hat - auch noch zu fördern. Das ist keine wirklich bewusste Haltung. Eher ist das so, wie beim Autofahren. Man selbst kommt immer zuerst, und macht nie was falsch. Merkt man gar nicht, aber es erklärt den Krieg auf den Strassen. Bis da einmal das leben und leben lassen eines echten Demokraten in Fleisch und Blut übergegangen ist, dauert das nochmal 50 Jahre. Wenn man die denn hat. Und wenn während der Zeit immer noch eine diffuse, unbewusste Parole die ist, dass Russland Bruderstaat ist, dann kann da Putins hybrider Angriff besser wirken, als im Westen, wo man Sowjet-Logik erkennt und nie wirklich gut fand. Falsch abgebogen? Ja. Ging nachm Krieg aber nicht anders, da von Moskau vorgegeben, und wirkt bis heute nach. Stalinismus kennt kein Hinterfragen des eigenen Standpunktes, und Geschichtsaufarbeitung fand bestenfalls via Gulag statt. Woher soll da eine Kultur der Reflexion kommen könnnen? Woher der Mut, auch mal falsch zu liegen in Kauf zu nehmen? Ne, neh, Schuld sind die Andern. Und nun such Dir eine Partei aus, die die 5%-Hürde schafft, und zu dem passt. Klar: AFD. Oder BSW, aber man will seine Stimme ja nicht begraben...